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Abiturrede 2001 - Herr Thomas Jung

"Ich bin heute besonders aufgeregt und genauso gespannt wie ihr, weil das heute für mich wie für euch der 1. Tag am Gymnasium Haßloch ist .." so oder ähnlich habe ich vor 3208 Tagen die Schülerinnen und Schüler der damaligen 5c begrüßt.

Heute begrüße ich - etwas weniger aufgeregt - alle 62 Abiturientinnen und Abiturienten und gratuliere Ihnen zur bestandenen Abiturprüfung am Hannah-Arendt-Gymnasium Haßloch; ich begrüße die Eltern, aber auch meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter der vergangenen 9 Schuljahre und alle Gäste.

Als mich Christoph, Georg und Dirk vor einigen Wochen fragten, ob ich die Lehrerrede beim Festakt halten würde, habe ich mich gefreut, dann mit der Zusage etwas gezögert und mich dann an einen Rede-Entwurf gemacht.

So typisch akademisch: zuerst ein Buch gesucht - Titel: "Die schönsten Reden für jeden Anlass" - aber für diesen naja - dann bin ich bei DINO und google im Internet auf Suche gegangen und habe dort einige, wenige Abiturreden gefunden; einige, die gar nicht zu mir passten; andere, die von Deutsch- oder Englischlehrern geschrieben und gehalten wurden; weitere, die nur politisch waren - das war alles nix für heute, für den 13.6.2001 - den Gipfelpunkt eines langen, manchmal etwas beschwerlichen, letztlich aber glücklich vollendeten Aufstiegs einer Gruppe, die sich am 3.September 1992 im Gebäude der Kurpfalzschule - gemeinsam mit Frau Gehm, Herrn Brachtendorf und mir als den Klassenlehrern aufgemacht hat; einer Gruppe, die geführt, geleitet, angetrieben und unterstützt wurde, die manchmal Schwierigkeiten mit sich und manchmal mit anderen hatte - zum Beispiel mit uns Lehrern - und deren Weg von vielen Außenstehenden - gerade als dem 2. Jahrgang an einem Gymnasium im Aufbau - aufmerksam beobachtet wurde - manchmal bewundernd, manchmal skeptisch, manchmal gelassen und manchmal emotional aufgebracht. Da war zum Beispiel ein Elternabend, bei dem die Eltern dem jungen - damit gleichgesetzt unerfahrenen Kollegen helfen wollten, ja mussten, indem sie darauf bestanden, dass die 1. Mathearbeit am Gymnasium nicht in einer 5. Stunde geschrieben wird - ein Blick in die Liste der Abiturientinnen und Abiturienten zeigt, dass es bei den aller meisten trotz dieser Härte doch zur allgemeinen Hochschulreife gereicht hat. Also ich, der einzige von 3 Klassenlehrern, der wie ihr 9 Jahre hier voll - ohne Sabbatjahr - durchgehalten hat, soll etwas Ansprechendes sagen - die obengenannten Schüler ließen mir freie Hand mit den Worten "wir haben vollstes Vertrauen in Sie".

Also dann: Der 1. Schultag 1992 hier am Gymnasium Haßloch vollzog sich mit Ballon-Wettbewerb und dem ersten Zurechtfinden im Nebentrakt der Kurpfalzschule für Euch und auch für mich ohne große Pannen, ohne Tränen. Die 40 ersten Schulwochen, denen noch 320 folgen sollten, gestalteten sich sehr abwechslungsreich, auch sportlich gesehen: Denn nicht nur der 1. Jahrgang hatte seine Premieren, sondern auch der 2. - ihr nämlich: 1. Herbstlauf, 1. Tischtennis-, 1.Basket- und 1.Volleyball-Turnier, die erste Lesenacht waren außer den vielen täglichen individuellen Highlights im und um den Unterricht herum erinnerungswürdige Veranstaltungen in der damals kleinen, jungen und sehr überschaubaren Schule.

Der 1. Umzug, den ihr mitgemacht habt, war dann im 2. Schuljahr, als ihr - als wir - ins OG zogen und ihr zwar neben dem Unterricht auch die schöne Aussicht genießen konntet, aber ebenso die räumliche Enge und die damit verbundenen Konfliktpotentiale erlebtet, die Probleme z.B.: ein Jahr als Wanderklasse gehörten für Euch auch dazu. Zu Eurem 9. Jahrgang (Sommer 1996) hin habt ihr beim Umzug tatkräftig mitgeholfen, unsere Schule materiell mittransportiert, später den Neubau, die Einweihung gefeiert, die Namensgebung miterlebt bzw. mit gestaltet und nebenbei auch noch Unterricht gehabt; insgesamt also ein lebendiger Lernalltag, ein lebendiges Großwerden in einer Gemeinschaft, die von 170 Schülerinnen und Schülern im Jahr 1992 auf ca. 900 heute angewachsen ist. Mitmachen, dabei sein, Chancen vielfältig nutzen und nach einer Durststrecke im 11. Jahrgang wieder und erfreulicherweise, in zunehmenden Maße, Leistung bringen wollen mit dem Ziel, ein gutes Abitur zu erreichen. Ihr habt in diesem - ja in den beiden Gebäuden erlebt - dass äußere Bedingungen nicht allein für das Zielerreichen wichtig sind, nicht die Anzahl der Computer in einer Schule, nicht die Anzahl der Beamer, nicht allein die Räumlichkeiten - im Neubau top- im Sport bislang eher ein Flop - sind Garanten für die vielseitige, erfolgreiche gymnasiale Ausbildung, sondern die Fach-Angebote und das Fach-Personal, das diese Angebote engagiert und mit viel eigener Initiative bereithält. In Eurem Jahrgang musste niemand - wie bislang immer an unserer Schule - seine MSS-LK-Wahl revidieren, es gab sogar erstmals Musik als LK, die damit verbundenen sehr ausgedehnten Stundenpläne sind somit sicher noch besser erklärbar. Meine Kolleginnen und Kollegen haben sicherlich neben dem Aufbau das Gymnasiums Haßloch zum HAGH Sie, die Schüler in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt - der eine kam bei diesem Schüler, bei dieser Gruppe an, der andere hat mit seinem Stil, mit seiner Persönlichkeit bei anderen Erfolg. Der Mensch, als Lehrer, hat sich Ihnen in 360 Schulwochen in ca. 11000 Unterrichtsstunden mit seinen Stärken und Schwächen gezeigt; Sie mussten lernen, mit diesen unterschiedlichen Typen fertig zu werden, klar zu kommen, sich zu arrangieren. Dazu zitiere ich: "Ein gewisses Maß an Qualifikation sei wohl für einen Pädagogen unerlässlich, dennoch könne auch die bestmögliche Qualifikation noch nicht dessen Autorität erzeugen. Diese bestehe eben darin, dass er für diese Welt Verantwortung übernimmt". Hannah Arendt will, was Herr Brachtendorf in seinem Artikel in unserer Jahresschrift deutlich hervorhebt, den authentischen Lehrer, den Lehrer, der klare Positionen bezieht, der Grenzen setzt, der berechenbar ist. Ich bin der Überzeugung, solche Lehrertypen hattet Ihr hier - und daher bin ich auch froh, hier mit diesen Kolleginnen und Kollegen zusammen arbeiten zu können.

Heute setzen wir also einen Punkt. Bei näherem Betrachten sind manche Punkte aber keine Schlusspunkte, sondern Doppelpunkte.

Viele von Euch sehnen sich danach, dass die Schulzeit endlich vorbei ist. "Wenn ich mal das Abi habe, dann habe ich es geschafft:- nie wieder Mathe, nie wieder Lektüre-Hausaufgaben in Deutsch - nie wieder um 7.55 Uhr - quasi um Mitternacht - Termine haben manchmal sogar bis abends um17.00 Uhr -, nie mehr solche Lehrer"

Ihr werdet aber bald merken: das war kein Schlusspunkt - der 13.6.2001, sondern ein Doppelpunkt. Nun beginnen neue Herausforderungen: das Studium oder die Ausbildung. Eine neue Lebensphase beginnt - mit großen Freiheiten und Chancen, aber auch mit Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt.

Alles vergessen - neu anfangen, nein bitte nicht: auch wenn Sie heute meinen, Sie wollen jetzt nur noch das tun, was Ihnen gefällt - in die Fun-Generation einsteigen - dann machen Sie das für eine kurze überschaubare Zeit, aber dann - dann beginnt der wirkliche Ernst des Lebens, dann nämlich, wenn die Eltern Ihnen Entscheidungen, richtige wichtige Entscheidungen nicht abnehmen, dann, wenn Sie selbst-verantwortlich einen neuen Weg gehen - spätestens dann werden Sie merken, es ist heute kein Punkt zu setzen, sondern ein Doppelpunkt, das Leben nach dem 13.6.2001 läuft weiter - in anderen individuell sehr unterschiedlichen Bahnen - sich die Freiheit nehmen, selbst bestimmt eigene Wege gehen - das sind Eure neuen Herausforderungen - wir Lehrer, die wir auch oft eure Entscheidungen beraten, beeinflußt - ja oft auch mitgeprägt haben, die wir Euch auch oft zum Arbeiten zwingen mussten, hoffen, dass wir Euch durch unsere Arbeit, durch unser Auftreten, durch unseren Umgang mit Euch und durch unser Vorbild genügend Hilfestellungen für diesen spannenden Weg mitgegeben haben, Hilfestellungen, die ihr jetzt anwenden könnt.

Der Doppelpunkt steht in meinem Fach "Mathematik" für das Dividieren, teilt Euer Leben nicht in das vor und das nach dem Abi, sondern zieht aus dieser 13-jährigen Ausbildung Eure Konsequenzen, nutzt die Freiheit, Dinge zu tun, aber besonders auch Dinge zu lassen, zu verweigern, auch wenn der Trend mal anders läuft.

Ein Blick zurück auf 13 Schuljahre muss auch ein Blick auf die wichtigen Ereignisse ausserhalb unseres Gebäudes sein; er soll die Sinne schärfen und Mut machen, auch mal das Utopische zu denken oder gar zu tun.

Das BigBand-Lied "Sonderzug nach Pankow" aus dem Jahre 1984 zeigt dies; der damals von Udo Lindenberg gehegte Wunsch wurde 1989 - in Eurem 2.Schuljahr Realität, als im November die Berliner Maurer fiel, der kalte Krieg vorbei war. Während der Berlin-Bonn-Umzugs-Debatte wurde durch den Elan der Eltern, Eurer Eltern, dieses Gymnasium auch für Euch "eingerichtet". Die Worte der kommenden Jahre 1993 "Sozialabbau", und die der folgenden Jahre "Sparpaket, Reformstau" verdeutlichen uns auch im Rückblick die Macht der Finanzen, die Macht des Geldes in unserem Land. - Wenn der Lufthansa - Streik bislang nach 3 Tage 200 Mio. DM gekostet hat, die Landesregierung für die Einführung von Ganztagsschulen 100 Mio DM ausgeben will, so zeigt dies - auch im Jahr 2001 - den finanziellen Stellenwert der Bildung in unserer Gesellschaft.

Rechtradikalismus, Schwarzgeldaffäre, die Stolz-Debatte und "kein Recht auf Faulheit" beleuchten , dass Geld allein nicht alles ist - dass Geld allein nicht alles vermag. Zum Thema "Rechtradikalismus" haben wir uns auch ausserhalb des Unterrichts nach den Anschlägen von Mölln, Solingen und Lübeck z.B.: an unserem Aktionstag auseinandergesetzt. Zusammenhänge aus Geschichte und Gegenwart herstellen, daraus lernen, daraus bei Ihnen ein Gefühl für Werte und Normen zu entwickeln, dass war neben dem Lehrplan unser Ziel - manchmal auch bewußt als Gegenpol zur Außenwelt. In diesem Punkte haben wir vor unserer Namensgebung Ziele von Hannah Arendt in unsere Schulwirklichkeit aufgenommen; denn sie fordert zum Denken "ohne Geländer" auf, sie fordert auch zum zivilen Ungehorsam auf wenn es denn dem einzelnen notwendig erscheint.

Der Krieg auf dem Balkan, besonders der im Kosovo und das Verhalten Europas dazu fordern von uns ein Nachdenken, ein Sich-damit-Auseinandersetzen - es ging, es geht um Freiheit, Freiheit - ein Wort, das für uns alle - jüngere wie ältere - das selbstverständlichste ist, was unser Leben hier in Deutschland seit über 50 Jahren auszeichnet. Für diese Freiheit zu kämpfen, für die Werte dieser Gesellschaft eintreten, Verantwortung zu übernehmen für Euch selbst, für Freunde und Familie, für die Gemeinschaft, in der wir leben, für den Staat und die Gesellschaft, das wünschen wir uns von Euch. Gerade auch im Hinblick auf die "Stammzellen"-diskussion, im Hinblick auf die Genom-Forschung und deren ethisch-moralischen Konsequenzen, ist von Euch, jedem einzelnen, aber auch von Eurer Generation insgesamt, ein wachsamer, streitbarer und verantwortungsbewußter Umgang mit dieser Thematik gefordert. In den "Physikern" läßt Friedrich Dürrenmatt Frl. Doctor von Zahnt sagen: "Denn was ihm offenbart wurde, ist kein Geheimnis. Weil es denkbar ist. Alles Denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in der Zukunft." Die später folgende Antwort von Möbius:" Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." muss auch transferiert auf das hier und heute, als ein Auftrag an Sie, liebe Abituriennten / Abiturienten gelten, die oben beschriebene Verantwortung ernst zu nehmen.

Ich wünsche Euch, den 5.Klässlern von 1992 / wünsche Ihnen, den Abiturientinnen und Abiturienten von 2001, auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen - dass Ihre Erwartungen an die Zukunft in Erfüllung gehen, soweit wie möglich jedenfalls, und ich wünsche Ihnen, dass Sie auch das eine oder andere Grundsätzliche aus den Schuljahren hier im Hannah-Arendt-Gymnasium Haßloch für Ihr Leben mitnehmen.

Ich wünsche Ihnen aber auch, dass Sie gelernt haben, unbequem sein zu können und es manches Mal auch sein zu müssen. Denn unsere heutige Zeit ist reich an Bequemlichkeiten und reich an Anpassung.

(Ein kurzes Sprichwort zum Schluss)

Bedenken Sie, bedenken wir alle:

"Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun,
sondern auch für das, was wir nicht tun."

Alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Autor: Tobias Grehl