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Fiktiver Brief Hannah Arendts an unsere Schule

von Thorsten Mick

Liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrte Damen und Herren der Elternschaft und
des Lehrerkollegiums,

ich freue mich, dass das Gymnasium in Haßloch meinen Namen trägt, auch wenn ich mich nicht dafür beworben habe und mich nicht dagegen wehren konnte. Dieses Schicksal teile ich mit vielen anderen Persönlichkeiten, denen diese Ehre posthum zuteil wird.

Ich kann mir im übrigen nicht erklären, weshalb mein extravagantes Denken gerade für Schulen so anziehend ist, zumal ich bekanntlich vor dem Abitur wegen einer Protestaktion auch noch der Schule verwiesen wurde. Wer sich mit meinem Namen schmückt, muss wissen dass ich keine bequeme Namensgeberin bin. Denn ich möchte Wünsche, ja Erwartungen an meine Schule richten dürfen.
Mein Name steht nicht für ein bestimmtes Programm, wohl aber für eine Denkweise, die nicht unbedingt dem Zeitgeist oder dem Mainstream schmeichelt.

Wenn man die Presse verfolgt, hat es den Anschein, dass in Deutschland die Wachstumsraten der Wirtschaft als entscheidende Größe für das Wohlergehen des Landes angesehen werden. Tatsächlich sind es die Kinder und Jugendlichen, die in den Schulen bestmöglich auf die individuellen und gesellschaftlichen Anforderungen vorbereitet werden müssen. Die Institution Schule gerät regelmäßig im Kontext einer immer länger werdenden Liste von Menetekeln ins Scheinwerferlicht, um dann geradezu reflexartig auf die zutage getretenen Probleme zu reagieren. PISA, Erfurt und Rütli sind nur die traurigen Höhepunkte dieses Vorgangs.

Überfällig ist stattdessen ein ehrlicher Diskurs über die Aufgabe der Schule in Deutschland und den Stellenwert von Bildung in dieser Gesellschaft.

Als kleinen Beitrag dazu möchte ich auf drei Feldern mit meiner Schule in einen Dialog treten:
1. Der Lernprozess der Schüler
2. Die Orientierungsfunktion und
3. der Erziehungsauftrag der Schule

Der Lernprozess der Schüler

"Ich will verstehen" war mein Lebensmotto und meint mehr als eine rein intellektuelle Tätigkeit, es ist gleichfalls eine Sache des Herzens, aus dem viele wichtige Gedanken kommen. Es geht um nichts Geringeres als die Welt zu verstehen, inklusive unserer selbst.

Ich wünsche mir Lehrer, die nicht Beifall schielen, das für das richtig Erkannte den Schülern "zumuten" und diese zum Handeln ermutigen, aus dem sich stets die Chance zum einem Neuanfang des Verstehens ergibt.

Ich wünsche mir Schüler die vom Verstehen wollen inspiriert sind und dadurch zu schulischen Leistungen angesporntwerden.

Beim Lernen ist es wie in der Philosophie, beide haben es eher mit Sinn als mit Wissen und Wahrheit zu tun. Die Sinnfrage ist die umfassendere Kategorie. Der Lernvorgang zielt darauf, das Blickfeld der Schüler zu erweitern, zu zeigen wie die Zusammenhänge sein könnten, nicht unbedingt sind.

Schule kann kein Rezept liefern, wie Ereignisse zu beurteilen sind. Sie muss den Schülern helfen Urteile mit dem Gespür für den Pluralismus von Werten und Einstellungen zu fällen.

Dass abgesehen von naturwissenschaftlichen Fakten dasselbe Objekt, der selbe Sachverhalt eine Vielzahl von Urteilen erlaubt, ist für Schüler die nach einfachen und lernbaren Regeln suchen, zunächst irritierend, aber ein wichtiger Erkenntnisschritt im Verstehensprozess.
Verstehen bringt im Unterschied zum Wissen kein feststehendes Ergebnis vor.

Das Denken soll nicht der definitiven Antworten wegen, sondern um der Fragen selbst willen betrieben werden. Letztere sind es, die den Horizont des Möglichen, unsere Vorstellungskraft erweitern.  Nichts darf den Geist am Wandern hindern, denn er ist ein Vagabund, der sich der umwegreichen Annäherung verschrieben hat.

Sind aber die derzeitigen schulischen Rahmenbedingungen geeignet, den oben beschriebenen Lernprozess zu ermöglichen?

Eine sich an fünf Tagen von 8 bis 13 Uhr jagende Halbtagsschule samt ihres 45-Minuten Korsetts scheint mir für das schnelle Abfüllen von Fässern, nicht jedoch für das Entzünden lang brennender Flammen geeignet. Forschendes Lernen bleibt dabei ebenso auf der Strecke wie jeglicher pädagogischer Tiefgang.

Die Lehrer in Hassloch dürfen auf Innovationen nicht reagieren wie Vampire auf das Sonnenlicht, Innovationen sind nötig, wenngleich nicht unbedingt im Einklang mit der etablierten Meinung.

Der Homepage der Schule kann man entnehmen , dass in den vergangenen Jahren vielfältige Anstrengungen unternommen wurden, den Lernprozess der Schüler zu verbessern. So wurden beispielsweise ein sich über alle Klassenstufen erstreckendes Methodentraining und ein ein Qualitätsprogramm mit einer Fülle von Maßnahmen entwickelt.

Die eingeleiteten Schritte stehen im Einklang mit den ministeriellen Vorgaben und wurden mit Verdacht erregenden Mehrheiten beschlossen. Im Einzelfall mögen sie durchaus Verbesserungen bewirken. Murmelt man sich aber bei der Auswertung, heute Evaluirung genannt, nicht ins eigene geneigte Ohr? Sind es nicht die Ersatzhandlungen für eine notwendige, viel weitergehende Ursachenforschung und sich daraus ergebende unbequeme Schlussfolgerungen? Ich kann hier nur einige Fragen aufwerfen, deren Behandlung und Beantwortung Teil einer gründlichen Analyse sein müssen:
Welchen Stellenwert nimmt Bildung in unserer konsum- und Spaß dominierten Gesellschaft ein? Ist das dreigliedrige Schulsystem die angemessen Antwort auf die Entwicklung zunehmender sozialer Ungleichheit? Welche Konsequenzen erfordert die sich ausbreitende Medienverwahrlosung vieler Kinder? Können Lehrer, deren Beruf in der Ansehens skala durch eine verzerrte Mediendarstellung nur dank der Politiker nicht den letzten Platz einnimmt, mit der nötigen Autorität ihre Aufgabe bewältigen? Sind nebenher arbeitende Teilzeitschüler den Herausforderungen gewachsen?

In Deutschland begnügt man sich damit, in einer PISA-Studie etwas besser als das benachbarte Bundesland abzuschneiden um das sogleich auf verordnete Maßnahmen zurückzuführen. Bildung droht in der derzeitigen Evaluierungswelle auf den messbaren Output reduziert zu werden. Standardisierte Leistungstests bergen die Gefahr, dass auf sie eindimensional hingearbeitet wird. Eine pädagogische Lernkultur mit wirklichem Verstehen und Durchdringen bleibt dabei auf der Strecke.

Durch neue Bildungsstandards, dazugehörige Leistungsüberprüfungen sowie größere Anstrengungen im methodischen und didaktischen Bereich lassen sich die gravierenden Motivationsprobleme und die sich ausbildende Bildungsarmut vieler Schüler nicht beseitigen.

Reformen im Bildungswesen nach betriebswirtschaftlichen Mustern haben Konjunktur, gerade so als seien Schulen Wirtschaftsbetriebe. Dabei folgt man einem aus den USA kommen den Trend.

Bei aller Wertschätzung und Dankbarkeit für meine zweite Heimat. Im Bildungsbereich sind die USA als Vorbild sicher kaum geeignet. Einer reichen Kulturnation, die Anfang des 21. Jahrhunderts ein Programm "No child left behind"-"Kein Kind wird zurückgelassen" aufstellen muss, wonach bis 2014 alle Schulkinder derb 8. Klassen rechnen und lesen können sollen, muss man nicht nacheifern.

Die Orientierungsfunktion der Schule

Das "Ich will verstehen" stößt heute auf eine Globalisierte Welt der Ökonomie und Kommunikation. Junge Menschen meistern vielleicht die technischen Herausforderungen, verstehen aber kaum wie die älteren auch-die vernetzten Zusammenhänge. Die Welt erscheint vielen mit Ausnahme einer kleinen Elite unübersichtlich und unbegreiflich, ja bedrohlich. Wie die Politik nicht in der Lage ist Strukturen zu erschaffen und den globalen Herausforderungen gestaltend zu genügen, verharren im Schulbereich die Lehrpläne in den alten Mustern. Bei aller Bedeutung unserer Historischen Wurzeln für das Verstehen der heutigen Welt, ein Unterricht, der die Antike wiederholt behandelt, der die Geschichte in ein Prokrustesbett einer Tausendjährigen Chronologie zwängt, um am Ende die europäische Politik und die Internationale Ebene als Leerstellen zurückzulassen, scheitert kläglich an seiner Orientierungsfunktion.

Die Schule, zumal das Gymnasium, ist eine Institution der Aufklärung. sie konkurriert heute jedoch zunehmend mit einer anderen Institution, die sich ebenfalls der Aufklärung verschrieben haben, inzwischen aber eher der Müdigkeit entgegenwirkt: Ich spreche von den Medien, insbesondere von den elektronischen Medien. In dem Maße, wie diese durch ihre Informationsflut und die Art ihrer Präsentation zur Desorientierung beitragen, hat die Schule zusätzlich die Aufgabe, diesem Prozess entgegenzuwirken. Fürwahr eine Herkulesaufgabe, wenn man nur an die TV- und Internetnutzungszeiten gerade von Kindern und Jugendlichen denkt.

Ich habe mit Freude gehört, dass meine Haßlocher Schule den Medien ihre besondere Aufmerksamkeit schenkt. Seit Jahren gibt es das Angebot, einen Medienführerschein zu machen und ab dem neuen Schuljahr wurde das Fach Medien in der 8. Klasse eingeführt.

Angesichts der Größe der Aufgabe sind dies allerdings nur Trippelschritte.

Ich bin Anfang des letzten Jahrhunderts zur Schule gegangen. Ich stelle mit Überraschung fest, dass der heutige Fächerkanon sehr stark dem meiner Schulzeit ähnelt. Ein Fach Medienkunde, das neben technischen Fertigkeiten die Fähigkeit zur kritischen Nutzung schult, halte ich für überfällig.

Die Oberstufe ist in Rheinland-Pfalz wie in den meisten anderen Bundesländern als Kurssystem organisiert. Dieses präsentiert sich den Schülern als Warenhaus mit einer Vielzahl von Waren bzw. Kombinationsmöglichkeiten. Wenngleich ich mir als Schülerin ein solches System gewünscht hätte, befallen mich heute erhebliche Zweifel. Schlägt hier Freiheit nicht in Beliebigkeit um, d.h. fehlt nicht die Balance mit dem Notwendigen, nämlich übergreifenden Orientierung? Mangelt es nicht an Mut, den jüngeren Menschen bestimmte Strukturen vorzugeben?

Spätestens in der Oberstufe sollten die Fächer ihren Monadencharakter aufgeben. Für Leibniz sind Monaden geistige Kraftzentren, wobei jede Monarde eine kleine autarke Welt für sich ist, ein Mikrokosmos ohne Beziehungen nach außen. Die Zentralmonade - Für Leibniz Gott - hat die Einzelmonaden in einen Zustand der Harmonie gebracht. Wer aber übernimmt diese Aufgabe im MSS-System? Ist es nicht an der Zeit, jeweils bestimmte Fächer zu einigen wenigen Profilen zu verbinden, für die sich die Schüler entscheiden müssen?

Die Tatsache der Pularität muss wie in der Politik auch in der Schulgemeinschaft die Orientierungsachse des Denkens und Handelns bilden.

Um sich in der Welt orientieren zu lernen, um reflektiert urteilen zu können, bedarf es gerade für junge Menschen immer wieder eines Perspektivenwechsels, in dem politische Entscheiungen und gesellschaftliche Entwicklungen von unten betrachtet werden, aus der Perspektive der Beargwöhnten, der Ausgeschlossenen, der Machtlosen.

Eine Schule die meinen Namen trägt stünde es gut zu Gesicht zum Beispiel eine Arbeitsgemeinschaft zu haben, die sich um politische Gefangene im Ausland oder um Asylbewerber in Deutschland kümmert. Auch Patenschaften, eine Projektwoche oder Unterrichtsbesuche durch Vertreter dieser Gruppen bieten sich für die beschriebene Aufgabe an.

Autor: Thorsten Mick