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Annäherungen an Hannah Arendt

Ein Gang durch die Hannah Arendt - Literatur

von Brigitte Stuflesser

Wer sich über eine Internet- Buchhandlung die Suchergebnisse zum Schlagwort "Hannah Arendt" ausdrucken lässt, wird etwa fünf satte Seiten mit Titeln von Hannah Arendt und über sie erhalten: doppelspaltig und klein gedruckt, die englischsprachigen Titel nicht eingerechnet. Wie soll man da hindurch und geeignete Zugänge finden - als "privater" Leser, der nicht wissenschaftlich über Hannah Arendt arbeiten, gern aber mehr über sie wissen möchte ?

Ich will versuchen, meinen Weg durch die Hannah Arendt-Literatur ein wenig zu skizzieren, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und durchaus persöhnlich, auch mit meinen Vorlieben und Abneigungen. Wer zum ersten Mal eine große Stadt besucht, sagen wir Rom, und sich dabei einem Führer anvertraut, der diese Stadt schon länger kennt, wird ganz gewiss nicht alles sehen und vermutlich auch kein objektives Bild gewinnen, aber villeicht einen lebendigeren, eben etwa möchte ich meinen kleinen "Guide" verstanden wissen. Ich habe drei biographische Zugänge ausgewählt, einen Briefwechsel, drei politiesche Schriften, drei Einführungen in Hannah Arendts Werk und drei eher theoretisch-philosophischen Schriften bzw. Textsammlungen von ihr selbst.

Da Hannah Arends eigene Texte keine "leichte" oder einfache Lektüre sind, wird es deshalb gut sein, sich erst einmal von außen und biographisch zu nähern. Uneingeschränkt würde ich für einen solchen Einstieg die Biographische von Alois Prinz empfehlen, "Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt", erschienen im Verlag Beltz & Gelberg (leider bisher noch nicht als Taschenbuch). Prinz war ja auch bei unserem Schul-Hearing der Experte für Hannah Arendt. Abgesehen von ihrer guten Lesbarkeit scheint mir der Vorzug von Prinz' Biographie zu sein, dass er die Zusammenhänge sichtbar zu machen versteht zwischen der Lebensgeschichte der Hannah Arendt und ihren philosophischen Themen und Gedankengängen, deren "Sitz im Leben" . Womit es sich dann eigentlich auch schon um eine kleine Einführung in ihr Werk handelt.

Gut gemacht ist der dtv-potrait-Band "Hannah Arendt" von Ingeborg Gleichauf, sehr anschaulich und informativ auch durch die vielen, z.T farbigen Bilder und die Stichworte, Zitate und Kommentare, die jeweils am Fuß einer Seite stehen und die man in die LEktüre mit einbeziehen kann. Die Beziehung Hannah Arendts zu Heidegger ist der Teil ihrer Biographie, mit dem ich mich am schwersten tue. Nur diesem Aspekt widmet sich Elzbiete Ettinger in "Hannah Arendt / Martin Heidegger - Eine Geschichte", erschienen, wie viele weitere Titel von über Hannah Arendt, in der Serie Piper. Man kann den sachlichen und diskretern Stil Ettingers gut lesen, ohne das Gefühl haben müssen, sich unzulässig in die Intimspäre eines Menschen einzumischen, allerdings auch ohne am ENde diese komplizierte Beziehung nun wirklich ganz zu verstehen- was freilich nicht Elzbieta Ettinger anzulasten ist.

Eher abraten würde ich in dem selben Zusammenhang von "Martin und Hannah"dem Roman Catherine Cléments - die Autorin ist zuletzt bei uns vor allem durch ihr Jugendbuch "Theos Reise" bekannt geworden - aus dem Verlag Rowohlt Berlin. Die FAZ sprach von einem "Schlüssellochroman" und die Badische Zeitung von "Indiskretion", auch von einer "philosophischen Sitcom" war die Rede in den Rezensionen. Elfride Heidegger und Hannah Arendt, Nebenbuhlerinnen um den selben Mann, rechen miteinander ab und versöhnen sich am Ende - so genau wollte man es eigentlich gar nicht wissen, zumal man den Widersprüchen sieser "unmöglichen Liebe" am Schluss mindestes so ratlos gegenüber steht wie am Anfang.

Eine Art Genekstelle zwischen Biographien und Werk bilden die zahlreichen Briefwechsel mit Hannah Arendt, von denen ich nur einen herausgreifen woll: "Hannah Arendt/Heinrich Blücher Briefe 1936 - 1968", ebenfalls in der Serie Piper aufgelegt. Diese Briefe zwischen Hannah Arendt und ihrem zweiten Ehemann, bedingt durch längere, beruflich notwendige Trennungen, sind nicht nur interessant als Dokumente einer aufregenden Zeit ebenso wie einer zuverlässigen Bindung. Sie stellen Hannah Arendts Tun und Denken in einen sehr realistischen, alltäglichn Kontext, geben ihm sozusagen Bodenhaftung, vom Ärger mit Verlegern und Terminen bis zur Ungeduld und Ungehaltenheit, wenn der Partner sich einmal längere Zeit nicht meldet. Sie zeigen eine sehr spontane, warmherzige, temperamentvolle Person - mehr vielleicht als die eher thematisch und sachlich orientierten Briefe an Fachkollegen oder Autoren.

Von da ist es dann kein allzu weiter Weg zu Hannah Arendts politischen Schriften; zwei von ihnen und einen Kommentarband will ich vorstellen.

"Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher", unter diesem Titel ist bei Piper ein Band herausgekommen, der Hannah Arendts Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung "Aufbau" aus den Jahren 1941 bis 1945 enthält. Abgesehen davon, dass sie Hannah Arendt als brilliante Stilistin ausweisen, sind sie in ihrer Hellsicht von beklemmender Aktualität. Von hier aus kann man dann "Eichmann in Jerusalem" lesen, den "Bericht von der Banalität der Bösen"(Serie Piper), und wird von der Konsequenz der Ereignisse ebenso wie von Hannah Arendts Urteilskraft betroffen sein. Die Prozessberichte, die Hannah Arendt 1961 ursprünglich für die Zeitung "New Yorker" schrieb, lösten damals eine heftige Kontroverse aus und stießen auch auf Ablehnung. Wer hier weiterlesen und sich eingehender informieren möchte, findet Material im Band "Hannah Arendt Revisited:,Eichmann in Jerusalem' und die Folgen aus der edition suhrkamp.

Den Akzent auf die politische Theoretikerin Hannah Arendt setzt auch Karl-Heinz Breier in "Hannah Arendt - zur Einführung" aus dem Junius-Verlag. Das Bändchen ist handlich, gut gegliedert nachStichworten, so dass man nicht alles lesen muss; nach meinem Dafürhalten wird aber die nur politisch akzentuierte Ausrichtung der Philosophin Hannah Arendt nicht umfassend gerecht;zudem wäre wohl im Zuge der gegenwärtigen Hannah Arendt-Renaissance noch einmal eine Überarbeitung des 1992 erstmals erschienenen Buches notwendig. 1999 ist in der beck'schen Reihe ,denker' der Band "Hannah Arendt" von Hauke Brunkhorst herausgekommen, ebenfalls mit Schwerpunktbildungg bei den politischen Themen.

Eine nachdenkliche, kluge und sensible Auseinandersetzung mit Hannah Arendt , ihrem Leben und ihrem Werk, findet sich in "Vier jüdischen Philosophinnen" von Reiner Wimmer, ursprünglich im renommierten Tübinger Attempto-Verlag erschienen, jetzt auch bei Reclam Leipzig zu haben. Außer Hannah Arendt werden Edith Stein poträtiert. Im Kontext und durch den Vergleich der vier Frauen treten Gemeinsamkeiten und Unterschiede besonders deutlich ans Licht.

Nahtlos lässt sich hier die Lektüre der Essays von Hannah Arendt anschließen, die unter dem Titel "Die verborgenen Traditionen" im Jüdischen Verlag, Frankfurt am Main, im vergangen Jahr neu aufgelegt wurden. Hier finden sic neben thematischen Essays auch solche zu jüdischen Autoren wie Heine oder Kafka, die an Hannah Arendt Beschäftigung mit Rahel Varnhagen erinner (Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Serie Piper). Wer meinen Lektüre-Vorschlägen bis hierher gefolgt, sozusagen mit mir schon ein Weilchen durch Rom gewandert ist, wird nun sicher Freude daran haben, sich in Hannah Arendts "Vita activa oder Vom tätigen Leben" (Serie Piper) zu vertiefen. Dies ist mein ausgesprochenes Lieblingsbuch unter den mir bekannten Schriften von Hannah Arendt. Indem sie hier den Begriffen Arbeit, Herstellen und Handeln durch die Geschichte hindurch nachgeht, die Geistesgeschichte ebenso wie die politische Historie, macht sie vielfältie, z.T. überraschende Zusammenhänge und Vernetzungen deutlich. Und öffnet damit, gerade auch einem arbeitenden Menschen der Gegenwart, nicht nur Türen zum philosophischen Denken, sondern ermutigt zum persönlich verantworteten Handeln. Wer noch einmal den einen oder anderen Akzent verstärken oder sich seines richtigen Verständnisses vergewissern möchte, kann zu dem Band Hannah Arendt: "Ich will verstehen" greifen, der unter dem Stichwort "Selbstauskünfte zu Leben und Werk" (in der Serie Piper) Briefe und Fernsehgespräche bündelt und einen tabellarischen Lebenslauf sowie eine ausführliche Bibliographie enthält. Bei der Wiedergabe der Fernsehgespräche wird vor allem deutlich, dass Hannah Arendt in hohem Maße auch ein "mündlicher Mensch" gewesen ist, mit ausgesprochener Freude am Dialog.

Vielleicht sind diese zuletzt genannten "Selbstauskünfte" besonders geeignet, alles Gelesene noch einmal Revue passieren zu lassen - so, wie man etwa am Abend, nach einem ausgedehnten Gang durch Rom, noch einmal einen Stadtführer zur Hand nimmt, um dem einen oder anderen "Link" nachzugehen, etwas zu prüfen oder zu vertiefen, sich eines auf jeden Fall vorzunehmen: wiederzukommen ...

Literaturliste zu Hannah Arendt

(in der Reihenfolge der Erwähnung im Text)

  • Prinz, Alois: Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt. Weinheim 1998.  3-407-80853-4
  • Gleichauf, Ingeborg: Hannah Arendt. München 2000.                                      3-423-31029-4

 

 

 

 

 

 

Autor: Dominik Lenz