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Abiturrede 2018 - Herr Thomas Jung

Gestern vor vier Wochen wurde ich von Alina und Yannick gefragt, ob ich hier und heute zu Euch sprechen möchte - sozusagen bei Eurem und auch meinem Ende der Schulzeit.

Das kam zwar etwas spät, aber es ehrt mich doch sehr, bei der Feierstunde des dritten  G8-Abitur-Jahrgangs am HAG zu sprechen, war ich persönlich als Lehrer und Stellvertretender Schulleiter während Eurer acht Jahre an unserer Schule mehrfach beteiligt:

  • Von der Anmeldung am HAG im Januar/Februar 2011
  • über die Einschulung in die 5. Klassen am 8. August 2011
  • über das Mittagessen im Planet
  • über den Einzug in die „Hannah-Arendt-Häuser“ am 21.12.2012 bis
    hin zum Abitur 2019.

Vor 4 Wochen hattet Ihr das Schriftliche Abitur hinter euch gebracht. Vor 4 Wochen, am 23. Mai 2019 vor genau 70 Jahren trat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Dies allein ist schon ein Grund zu feiern, dass wir mit und durch das GG nunmehr über 70 Jahre in Frieden und Freiheit leben. Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist für uns alle selbstverständlich – hoffentlich noch auf lange Zeit.

Einen Tag später – einem Freitag – fanden die zweiten globalen Demos „Fridays For Future“ vor der Europawahl statt. Sie waren erlaubt, da Meinungs-, Demonstrations- und Versammlungsfreiheit gemäß Artikel 5 und Artikel 8 des GG gelten.

Genau in dieser Woche habe ich mich dann endgültig entschieden, Euch hier mit einer Rede zu verabschieden, für und zu Euch zu sprechen.

Ich begrüße Euch hier und jetzt, liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten des Jahrgangs 2019 am HAG, und gratuliere Euch allen von ganzem Herzen zum bestandenen Abitur.

Ich gratuliere Euren Eltern, Geschwistern, allen Familienangehörigen und Freunden, die Euch (mindestens) 12 Jahre begleitet, unterstützt, manchmal angespornt, manchmal genervt haben.

Ihr habt diese bestimmt genauso oft genervt, vielleicht auch enttäuscht, aber hoffentlich auch erfreut und stolz gemacht.

Heute (und am Freitag) gilt es zu feiern.

Mein Glückwunsch geht auch an acht Familien, die heute schon zum zweiten Mal ein bestandenes G8-Abitur ihrer Kinder an unserer Schule feiern dürfen. Ich danke Ihnen für ihr langjähriges Vertrauen in unsere Schule.

Ein besonderer Glückwunsch und Dank geht an meine Kolleginnen und Kollegen, die euch 8 Jahre lang unterrichtet, begleitet, betreut, beraten, bewertet und zensiert und hoffentlich erfolgreich aktiviert und motiviert haben.

Sie haben diesen heutigen Tag, den erfolgreichen Abschluss Eurer Schulausbildung, ermöglicht. Vermittlung von Grundlagenwissen in den Fächern, Anleitung zu selbstständigem Lernen und Arbeiten, Hinführung zu Reflexions- und Urteilsfähigkeit waren Leitlinien des Unterrichts in der MSS, in drei Jahren Leistungs- und Grundkursen.

Darüber hinaus haben die Lehrerinnen und Lehrer, viele Wandertage, Klassen – und Kursfahrten mit und für Euch organisiert und durchgeführt. Ebenso Schulveranstaltungen wie Konzerte, Theateraufführungen, Mathe – und Lesenächte, Sportveranstaltungen wie Herbstläufe, Skifahrten, Schwimmcamps u.a., Wettbewerbe wie z.B. Jugend debattiert, Jugend forscht, JtfO, Info-Biber, Mathe ohne Grenzen und Fremdsprachenwettbewerbe.

Besonders erwähnen möchte ich, dass die Kolleginnen und Kollegen dieses Mal in Rekordzeit – vom 3.Mai bis zum 14.Juni 2019 - das Abitur „abgenommen“ haben. Ich danke Herrn Brech und Frau Martens für ihre tatkräftige und vertrauensvolle Unterstützung in der Abiturkommission, waren sie doch selbst beim schriftlichen und mündlichen Abitur als Kurslehrer stark eingespannt.

Im Artikel2 des GG heißt es:  „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Vor vier Wochen prägten Wahlplakate unsere Straßen, hörten und sahen wir im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen Wahlwerbung, um am 26.5. zu wählen. Viele von Euch durften erstmalig von ihrem Wahlrecht, von einem Grundpfeiler unserer Demokratie, Gebrauch machen; frei, unabhängig und geheim wählen, was in vielen anderen Ländern der Erde nicht möglich ist.

Erfreulicherweise haben sich über 60% aller Wahlbeteiligten in Deutschland an dieser Europawahl beteiligt.

Ihr könnt nun ab heute für Eure persönliche Zukunft wählen, nicht die zweite Fremdsprache, nicht das Wahlpflichtfach, nicht die Leistungskurse, nicht das Mittagessen, sondern

  • Ausbildung oder Studium
  • FSJler oder Bundeswehr
  • erst mal abwarten und dann entscheiden
  • eine betriebliche Ausbildung (vielleicht in Haßloch?)
  • ein Studium in Oldenburg
  • FSJler an einem G8-Gymnasium
  • als Zeitsoldat bei der Deutschen Bundeswehr in Hamburg oder München

oder, oder…

Herr Grehl hat Euch mit vielen Modulen zur Berufsorientierung Einiges an die Hand gegeben, das Euch bei dieser Wahl bestimmt helfen wird. Der GEVA-Test, den Frau Olbrecht auch für Euren Jahrgang im April 2018 organisiert und durchgeführt hat, hat Euch dazu ebenfalls hilfreiche Tipps und Infos geben können. Vor Vorstellungsgesprächen müssen die 40 Schülerinnen und Schüler, die bei Frau Glasser bzw. Frau Wolf DS-Unterricht hatten und hier in unserer Aula, in unserer Mensa und einige sogar im „richtigen“ Theater in Worms - viele, beachtenswerte Auftritte hatten - bestimmt keine Sorge haben. Verwundert war ich aber dennoch, dass so viele von Euch bei "Gäste beim mdl. Abi" ein „nein“ angekreuzt haben.

Die Tatsache, dass Ihr mich für heute als Abiredner ausgewählt habt, obwohl ich in Eurem Jahrgang in der MSS nicht unterrichtet habe, und die Tatsache, dass ihr aus umweltfreundlichen Gründen heute kein gedrucktes Programm wolltet – so wurde es mir vor drei Wochen mitgeteilt - zeigt, dass Ihr etwas anders machen wollt.

Aber was?

„Fridays for future“: Aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass Ihr manche Arbeitsblätter „als Papierverschwendung“ betrachtet habt, dass Ihr lieber die Bäume zählen wolltet, die für diese Arbeitsblätter gefällt wurden, als die „notwendige und hinreichende Bedingung für das Vorliegen einer Extremstelle“ anhand eines Arbeitsblattes zu verstehen – naja. Wo fängt Eure aktive Mitarbeit bei „Fridays for future“ an? Wo und wie seid Ihr schon jetzt konsequent aktiv für Klimaschutz und Nachhaltigkeit? Wie ernst nehmt Ihr die Mülltrennung, wie ernst den Umweltschutz?
Geht Ihr respektvoll mit der Natur und unserem Planeten um? Nehmt die besonderen Herausforderungen, vor denen Eure Generation steht, an und kümmert Euch verantwortungsvoll und entschlossen um Problemlösungen. Geht verantwortungsvoll mit Eurer Um-Welt um.

Im DS-Stück „Wanted Identity“ 2018 - so ist es auf unserer Homepage beschrieben und so war es auch: (Zitat) “.. reflektierten die Schülerinnen und Schüler in ihrem selbstgeschriebenen Stück meisterhaft die Identitätsfrage, die Frage des Ichs und die Selbstfindung.“ Versucht dies auf Eure Zukunft zu übertragen, jeder wie er / sie es für wichtig und richtig erachtet. Entweder neben Eurer Berufsausbilung oder anschliessend im Beruf, denn es gilt Artikel 12 des GG: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen und ihren Beruf frei auszuüben.“

Nach 4 Jahren Grundschule und 8 Jahren Gymnasium stehen für Euch wichtige Entscheidungen für Eure Zukunft an. Als einer, der Euch vor 8 Jahren in ITG, vor 5 Jahren in Mathe, vor 4 Jahren in Info unterrichtet hat, aber besonders als einer, der in DS zwei große Aufführungen mitbegleitet hat, weiß ich neben Euren schulischen Qualitäten auch viel über Eure Sozial-Kompetenz, über Euren Willen, das Begonnene erfolgreich und sehr gut zu beenden. Viele von Euch sind Team-Spieler; bewiesen habt Ihr das in DS, aber auch viele von Euch im Schulorchester, in der SV-Arbeit, bei den Streitschlichtern. Vertrauensvolle, herzliche, zielstrebige Zusammenarbeit, das bringt etwas hervor, das jeden mit Stolz und Freude erfüllt. Dennoch seid Ihr Individuen geblieben und habt Eure vielseitigen Talente in den Gruppen eingebracht. Ich wünsche Euch, dass Ihr einen so erfüllenden Beruf findet und ausüben könnt wie ich; in dem es um menschliche, um herzliche vertrauensvolle Beziehungen und um das gemeinsame Erreichen von gemeinsam festgesetzten Zielen geht.

„Bald“ – in ca. 10 Minuten - habt Ihr das Abi in der Tasche und somit die beste Vorraussetzungen glücklich, erfolgreich und zufrieden in Eure Zukunft, in Euer weiteres Leben zu gehen – ich bin mir da sicher, Ihr schafft das. Ihr seid bestens gerüstet für Eure Verantwortung in dieser freien Gesellschaft, bleibt neugierig, lasst Euch begeistern, werdet „Feuer und Flamme“ für etwas, packt es an! Zeigt Euer Interesse an der Demokratie in unserem Land, an einer friedlichen Zukunft und einem guten internationalen Miteinander. Macht Euch im Sinne unserer Namensgeberin, im Sinne von Hannah Arendt auf den Weg "Ohne Geländer zu gehen" und habt Mut, Neues zu versuchen, Neues zu wagen!

Eva hat am Schluss der Theateraufführung von „Ein Vorpiel nur“ kürzlich in Worms Hannah Arendt zitiert. Mit diesem Zitat möchte ich meine Rede für Euch und an Euch beenden: „Bildung ist der Punkt, an dem wir entscheiden,  ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen und sie gleichzeitig vor dem Ruin zu retten,  der ohne Erneuerung, ohne die Ankunft von Neuen und Jungen, unaufhaltsam wäre.“

Alles Gute für Euren weiteren Lebensweg!
Vielen Dank für Ihre / für Eure Aufmerksamkeit!

Autor: Tobias Grehl